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Stadionsprecher

Stadionsprecher

Stefan SchneiderStefan Schneider ist seit Anfang der 90er Jahre die Stimme von 1860 München. Der Schwabinger hat 25 Jahre lang für Radiosender in der Stadt moderiert, hatte eine eigene Sportsendung beim Münchner Lokal-Fernsehen, seit vielen Jahren ist er auch Stadionsprecher beim Eishockey-Klub EHC (davor war er bei Hedos und Barons). Heute betreibt der Löwe mit der Mitgliedsnummer 1-8-6-0 eine Marketing-Agentur.

Was muss man mitbringen um Stadionsprecher zu werden?

Stefan Schneider: Man sollte unbedingt echter Fan sein. Authentisch sein. Das ist die Grundvoraussetzung. Ich bin seit meinem fünften Lebensjahr ein Blauer, unter der Anzeigetafel am Candit-Berg groß geworden. Alle Westkurven-Stehplatzkarten vor meiner Zeit als Stadionsprecher, so ab 1969, habe ich noch.

Was macht einen guten Stadionsprecher aus?

Schneider: Die Stimme muss passen, klar. Und man sollte ein paar Dinge beachten. Zu den Aufgaben gehört es, wachsam zu sein, z.B. wenn geböllert wird oder rassistische Sprüche fallen. Aber auf das Spiel bezogen ist Objektivität nicht die erste Tugend eines Stadionsprechers. Ein Stadionsprecher sollte gerne deutlich in Richtung der eigenen Mannschaft seine Orientierung haben. Es gibt einen Leitfaden für Stadionsprecher von der DFL. Selbstverständlich soll man sportlich fair sein, nicht beleidigen. Aber natürlich präsentiere ich den Gegner niemals so wie die eigene Mannschaft. Auf einer Party zuhause begrüße ich zuerst die Gäste, das gebietet der Anstand. Aber im Stadion begrüße ich zuerst die Löwen.

Was erwartet der Fan von Ihnen?

Schneider: Gar nichts. Ich nehme mich nicht so wichtig. Wegen des Sprechers geht ja keiner ins Stadion. Du lebst und stirbst mit der eigenen Mannschaft. Wenn die zur Pause 0:2 zurückliegt, brauchst du den Fans nichts mehr zu erzählen. Aus und vorbei. Da kannst Du 25 hübsche Mädchen vor der Kurve strippen lassen, es interessiert kein Schwein.

Dennoch sind Sie Publikumsliebling bei den Fans.

Schneider: Das freut mich sehr. Für mich sind Fans Löwenfamilie und ich bin ja schon lange genug dabei. Wie man so gerne sagt: Der hat schon einige Mittelstürmer, Trainer und Präsidenten überlebt. Ich bin den Leuten im Stadion sehr dankbar, dass sie mich immer noch mögen und ich diesen Job machen darf.

Wie erleben Sie die Fankurve?

Schneider: Intensiv. Eine Fankurve hat eine wahnsinnige Eigendynamik. Die Kurve ist das, was den Fußballnachmittag rund macht. Die Haupttribünenkundschaft, Leute, die wir Gott sei Dank haben, die Tausende von Euro zahlen für wunderbare Tickets, diese Leute kommen, weil 1860 spielt. Und sie kommen wegen der Atmosphäre, die die Kurve zaubert. 1860 ist sicher in einem Punkt besser als der FC Bayern. Wir haben die besseren Fans. Im Block 130 bei Sechzig muss niemand unter der Woche das Singen üben.

Woher wissen Sie das? Sie sind doch nie bei Bayern.

Schneider: Aber ich geh' zu Sechzig. Und wir haben bei Sechzig Leute im Stadion, Logenbesitzer, die ihre Loge für beide Vereine gezwungenermaßen gekauft haben. Beim letzten Mal habe ich von ganz hoher Vorstandsebene gesagt bekommen, dass man leider Gottes, wenn Sechzig spielt, auf der Haupttribüne keine Geschäfte machen könnte. Man müsse reingehen in die Loge. Draußen ist es zu laut, beim Vermieter dagegen würde das bestens gehen.

Jetzt betreten Sie gefährliches Terrain. Aber erzählen Sie weiter.

Schneider: Bei Bayern auf der Haupttribüne hängt die Sponsorengattin mit der Nerzstola. Von der kann ich stimmungsmäßig relativ wenig erwarten. Außer das Klirren der Champus-Gläser. Bei Sechzig habe ich auf der Haupttribüne aber auch den gut verdienenden Sanitär-Großhändler, der schon sein ganzes Leben zu Sechzig geht. Der stand sich schon als Steppke an der Grünwalder Straße die Füße platt, und heute schreit er immer noch, auch wenn er Geld hat. Denken Sie nur mal an „Das Echo von Giesing". Da singt bei uns die Gegengerade mit. Das ist großer Sport.

Sie wissen, dass Sie sich jetzt viele Sympathien verscherzen bei den Bayern.

Schneider: Ich mach' mir keine Feinde mehr. Natürlich hat der Bayern-Fan, wenn er mich im Biergarten sieht, immer etwas zu frotzeln. Das ist normal. Wenn ich beim Derby rausgehe und „Grüß Gott" sage, skandieren 15.000 Rote „Schneider, du Arschloch". Das tun die Bayern-Fans seit Jahren. Wenn sie das nicht mehr schreien würden, hätte ich ein Jahr lang keine gute Arbeit gemacht. Da würde ich an mir zweifeln. Dazu hat unsere wunderschöne Stadt genug Platz für Blaue und Rote.

Wie sehen Sie den Löwen-Fan?

Schneider: Ich glaube, der Löwen-Fan ist besonders. Treu und immer da. Der Löwen-Fan ist leidensfähig. Der Löwen-Fan ist hart gebeutelt. Ich habe Bekannte, die erzählen mir, ihre Mannschaft zeige heute auf dem Marienplatz die Meisterschale. Und ihre Stimme klingt so wichtig, als würden sie sagen: Stell' dir vor, mir ist gestern ein Zehennagel abgebrochen. Das heißt, für den Löwen-Fan wäre es etwas Großartiges, wenn er nach vielen Jahrzehnten auf den Marienplatz dürfte. Ja, der Sechzig-Fan ist geprügelt. Aber er ist wahnsinnig treu und kann aufstehen.

Ihm bleibt nichts anderes übrig.

Schneider: Wohl wahr. Bei dem, was die letzten Jahre hier passiert ist, dekoriert noch mit sportlichen Schlamassel, käme bei anderen Vereinen wirklich niemand mehr ins Stadion. Bei Sechzig sind sie da, die Fans. Ich hab' mal zu einem Bekannten gesagt: Manche gehen zu einer Domina, ich geh' zu Sechzig. Am Ende des Tages ist es fast das Gleiche. Und ich gehe halt mal so gerne zu „Münchens großer Liebe".

Hat sich Ihre Arbeit in der neuen Arena verändert?

Schneider: Technisch ist die Arena optimal zum Arbeiten. Und dass es weniger Stehplätze gibt, macht bei Sechzig nichts. Der Sitzplatz bei 1860 ist der erwachsen gewordene Stehplatz. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Sitzplatz habe und das Spiel als Event sehe, weil ich Sponsortickets geschenkt bekommen habe. Oder ob man sich bei Sechzig ein Ticket gekauft hat von Herzen für die ganze Saison. Trotzdem wäre es mein Traum wenn wir irgendwann wieder nach Hause könnten ins Sechzger.


Vita: Stefan Schneider, Jahrgang 1962, ist gebürtiger Münchner. Der bekennende Löwenfan ist seit 17 Jahren Stadionsprecher des TSV 1860. Ebenso lang arbeitet er als Sprecher beim Eishockey-Klub EHC München (früher Hedos München und München Barons). Außerdem hat Schneider rund 25 Jahre für verschiedene Radiosender moderiert wie Xanadu, Energy, Gong 96,3 und Bayern 3. Heute betreibt er eine Werbeagentur. Schneiders Credo: „Zehn Sätze hintereinander unfallfrei aufsagen können - reicht nicht. Als Stadionsprecher kannst du nur arbeiten, wenn Du einen engen Bezug zum Verein hast und weißt, wo die Sonne bei Tag und bei Nacht scheint ..."

(Interview Gerald Kleffmann aus dem Buch: Einmal Löwe, immer Löwe, erschienen in der SZ Edition)

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