Demokratie verteidigen – Lernen aus der Geschichte des Fußballs.

Das NS-Regime hat sich den Sport auf unterschiedliche Weise zu Nutze gemacht: Sport diente dazu, die Arbeitsmoral und Kriegstüchtigkeit zu steigern und die Freizeitgestaltung zu normieren. Besonders zynisch zeigte sich die Rolle des Sports in den Konzentrationslagern. Einerseits sollte er dort für die Unterhaltung der KZ-Aufseher sorgen, gleichzeitig war der Sport Vernichtungsinstrument - unterernährte Menschen wurden zu Leibesübungen gezwungen, bis sie vor Erschöpfung zusammen brachen. Und nicht zuletzt diente er als Propagandamittel. Die Olympischen Spiele vor 90 Jahren waren ein Paradebeispiel dafür, wie die Nazis sportliche Großereignisse dafür nutzten, ihre Macht zu demonstrieren und ihre Ideologie zu verankern - auch über die Landesgrenzen hinaus.
In “Vorbereitung” der Sommerspiele 1936 in Berlin wurden nicht nur Hunderte Antifaschisten verhaftet, um Protestaktionen zu verhindern. Es wurden außerdem rund 600 Sinti und Roma von der Polizei aus ihren Wohnungen und Wohnwagen geholt und in das Zwangslager Marzahn deportiert, welches später als Sammelstelle für Deportationen in Konzentrationslager wie Auschwitz diente. Damit wurden die Olympischen Spiele auch als Vorwand zur Umsetzung der rassistischen Verfolgungspolitik des NS-Regimes genutzt.
Sport und Fußball - unpolitisch?
Wie nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche hat sich auch der Sport dem politischen System des Nationalsozialismus teils bereitwillig untergeordnet. Die Vielfalt an Sportverbänden, die sich einst aus jüdischen, konfessionellen, bürgerlichen und Arbeiterverbänden zusammensetzte, wurde ausgedünnt und gleichgeschaltet. Widerstand kam fast ausschließlich aus den Arbeitervereinen, wobei viele Sportler bereits 1933 inhaftiert und einige von ihnen ermordet wurden. Durch Wegschauen einerseits, aber auch durch aktives Handeln im Sinne der NS-Ideologie, haben Vereine und Verbände die menschenverachtenden Verbrechen des Staates unterstützt - oft unter dem Vorwand, Sport sei unpolitisch. So enthoben Fußballvereine teilweise in vorauseilendem Gehorsam jüdische Spieler ihrer Ämter und schlossen sie aus dem Verein aus. Dabei wurde gerade der Fußball vielfach durch Juden in Deutschland etabliert - nicht zuletzt durch Walter Bensemann, Gründer des Kickers und Mitbegründer des DFB. Viele der führenden Sportfunktionäre blieben auch nach 1945 in ihren Ämtern, was eine Aufarbeitung der Rolle des Sports im NS lange verhinderte, auch hier wieder mit dem gern getragenen Etikett des unpolitischen Sports. Mehr als ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis (einige) Vereine und der DFB mit der Aufarbeitung ihrer Rolle während der NS-Zeit begonnen haben.
Was hat das heute mit uns zu tun?
Gerade im Fußball hält sich die Behauptung hartnäckig, der Sport müsse politisch neutral sein. Dieses Argument wird oft angeführt, wenn Fans sich gegen Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie engagieren. Die Absurdität ist, dass gerade antidemokratische Akteure meist ihre Funktionen in den Organisationen nutzen, um ihre politische Ideologie zu verbreiten. Die Geschichte lehrt, dass Sport und Fußball nicht isoliert von ihrer politischen Umgebung existieren. Als politische Institutionen müssen Sportvereine demokratische Grundwerte leben: Mitbestimmung, Gleichberechtigung, Partizipation. Sie müssen allen Mitgliedern, unabhängig ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung, dieselben Chancen einräumen, am Sportgeschehen teilzunehmen. Diese demokratischen Werte sind in Gefahr, wenn demokratiefeindliche Akteure ihre Ideen teilen und Einfluss ausüben können.
Was kann die Fußballfamilie tun?
Der Fußball mit seiner Strahlkraft hat nicht nur das Potenzial, Millionen zu erreichen - er trägt auch die Verantwortung, unsere demokratischen Werte zu leben und zu verteidigen. Welche Lehren sollten wir aus der Rolle des Sports im NS heute ziehen? Wem nutzt ein Festhalten am Narrativ des unpolitischen Sports? Kennt ihr die Geschichte eures Vereins? Entwickelt Strategien damit umzugehen und diese aufzuarbeiten! Gab es aktiven Widerstand innerhalb eures Vereins? Hebt historische Personen hervor, die nicht weggeschaut haben, die sich für andere eingesetzt haben! Schaut hin, hört zu und überlegt: Was können wir tun?
Die Worte Walter Frankensteins, 2025 verstorbener Überlebender der Shoah und Fan von Hertha BSC, sollten uns nicht nur zu denken geben, sondern unser tägliches Handeln bestimmen: „Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden, besonders in der jetzigen Zeit.“