SECHZIGMÜNCHEN.
 

Blick zurück: Saison 1967/1968.

Hinten (v. li.): Trainer Sing, Patzke, Kohlars, Peter, Radenkovic, Reich, Wagner, Küppers, Brunnenmeier. Vorne (v. li.): Rebele, Bründl, Heiß, Zeiser, Steiner, Perusic, Grosser. 

Der Niedergang der Löwen ging in der Saison 1967/1968 weiter. Einer der wenigen Höhepunkte in diesem Spieljahr: Ein 3:2-Derbysieg gegen die Bayern, bei dem die Löwen durch Tore von Fredi Heiß, Zeljko Perusic und Bubi Bründl bereits 3:0 geführt hatten. Auch wurde 1968 der Neubau der Geschäftsstelle und Kabinen an der Grünwalder Straße 114 eingeweiht, nachdem sich die Profis jahrelang in einer Baracke umziehen mussten. 

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Albert Sing hatte zur Saison 1967/1968 den eigentlich erfolgreichen Gunther Baumann abgelöst. Es sollte einer der größten Trainerfehlgriffe in der Geschichte der Sechzger werden. Kapitän Peter Grosser bezeichnete ihn einmal als „der größte Trottel, den ich je erlebt habe“. Seiner Meinung nach hatte Sing Komplexe gegenüber etablierten Spielern, setzte deshalb vermehrt unerfahrene Talente ein. Von den drei externen Neuzugängen im Sommer 1967 war keiner älter als 20 Jahre und ohne Erfahrung im Profifußball. Dazu kamen sechs weitere Spieler aus dem eigenen Nachwuchs.

Der Saisonstart verlief durchwachsen. Bis zum 9. Spieltag gab es nur einen Sieg bei fünf Unentschieden und drei Niederlagen. Danach berappelte sich das Team, verlor bis zum Vorrundenende keine Partie mehr und beendete die Hinserie auf Platz drei.

Doch der Start im neuen Jahr ging völlig in die Hosen. Von den ersten sechs Spielen wurden fünf verloren, davon vier zu Hause im Grünwalder Stadion. Nur auf Schalke gab es ein 0:0. Die Löwen verspielten in dieser Phase auch sportlich den Kredit bei den Fans. Zumal es auch finanziell immer weiter abwärts ging. Adalbert Wetzel war zwar noch Präsident des Gesamtvereins, hatte aber die Leitung der Fußballabteilung an Werner Volkmar abgegeben. Der verschwand im August des Jahres nach vielen undurchsichtigen Geschäften und hinterließ einen Schuldenberg.

Es gab aber auch Lichtblicke in der Rückrunde. Einer war der 3:2-Derbysieg gegen den FC Bayern. Bubi Bründl zeigte dabei seinen wohl stärksten Auftritt im Löwen-Trikot. Bründl spielte an diesem Tag selbst einen Franz Beckenbauer schwindlig und erzielte als Krönung den Treffer zum 3:0 in der 57. Minute. Vorher hatten Fredi Heiß und Zjelko Perusic getroffen. Dabei waren die Bayern als klarer Favorit in dieses Derby gegangen. Sie lagen auf Platz zwei, die Löwen lediglich auf Rang 13. Tschik Cajkovski, der Trainer der Roten, war hinterher auch ganz schön bedient. „Wir haben heute wie Amateure gespielt“, schimpfte er, erkannte allerdings die Leistung des Gegners im gleichen Atemzug an: „1860 hat großartig gespielt, ich habe die Löwen noch nie so gut gesehen.“

Trotzdem waren die Bayern am Ende der Spielzeit erstmals vor den Löwen positioniert, die mit Rang zwölf die schlechteste Platzierung der bisher kurzen Bundesliga-Geschichte erreichten. Was aber viel schlimmer war: In der Zuschauertabelle mussten sie sich ebenfalls dem Erzrivalen geschlagen geben. Der konnte im Schnitt 21.924 Zuschauer im Grünwalder Stadion begrüßen, die Sechzger lediglich 19.611.

Zum Ende der Saison verließ Rudi Brunnenmeier, 1965 noch Bundesliga-Torschützenkönig, mit erst 27 Jahren die Löwen. Angeblich wurden vertragliche Vereinbarungen nicht eingehalten. Doch ein Tor in nur zwölf Spielen sprach nicht unbedingt für den Goalgetter, der auch sonst kein professionelles Leben führte. Es ging stetig mit ihm bergab, seit er sich 1966 das Nachtlokal „Pik Dame“ in der Nymphenburger Straße zugelegt hatte – für ihn persönlich der Anfang vom Ende. Brunnenmeier: „Ab diesem Zeitpunkt bin ich in schlechte Gesellschaft geraten. Das hat mich ganz viel gekostet.“ Im Sommer 1968 wollte er zu Hertha BSC wechseln, aber der TSV 1860 unterband einen Transfer innerhalb der Bundesliga. Also zog er in die Schweiz und schoss dort für Xamax Neuchâtel und den FC Zürich seine Tore. Auch Bründl kehrte den Löwen den Rücken, nahm ein gut dotiertes Angebot des 1. FC Köln an. 


UEFA-POKAL

Selten haben die Löwen eine solche Lehrstunde bekommen, wie in der 2. Runde des UEFA-Pokals, der damals noch Messepokal hieß. Konnten sie sich in der 1. Runde noch wie zwei Jahre zuvor im Achtelfinale gegen Servette Genf (2:2, 4:0) souverän durchsetzen, war es schon mehr als peinlich, auf welche Art und Weise sie vom FC Liverpool vorgeführt wurden. Mit 0:8 gingen die Löwen am 7. November 1967 an der Anfield Road baden. Immerhin: Eine Woche später im Rückspiel gelang wenigstens eine kleine Wiedergutmachung. Durch zwei Tore von Wilfried Kohlars gewannen die Sechzger mit 2:1.


KURIOSES

Radis Würgeattacke
Löwen-Keeper Petar Radenkovic fiel am 16. September 1967 im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern ganz böse aus der Rolle. Nach einem Missverständnis zwischen dem Löwen-Torhüter und dem unerfahrenen Jung-Profi Jimmy Schmitt ging Radi seinem Mannschaftskollegen an die Gurgel und würgte ihn. Das Ganze geschah vier Minuten vor der Pause, in der für den Torhüter dann Schluss war. Trainer Albert Sing wechselte ihn aus, obwohl Radenkovic sich kurz nach seinem Ausraster bei Schmitt entschuldigt hatte und mit ihm Arm in Arm in die Kabine gegangen war. In der Öffentlichkeit wurde der Fall besonders hochgespielt, weil es sich bei Schmitt um einen dunkelhäutigen Spieler handelte. Mit Rassismus hatte Radis Aktion jedoch überhaupt nichts zu tun. 

Ein Abend mit Freddy
Zwei Tage nach dem 2:2 im Lokalderby am 28. Oktober 1967 gegen die Bayern, entspannten sich die Löwen beim Besuch eines Musicals im Deutschen Theater. Hauptdarsteller Freddy Quinn, zu jener Zeit der bekannteste Entertainer Deutschlands, bat die Spieler danach hinter die Bühne, wobei es sich Fredi Heiß, Wilfried Kohlars, Petar Radenkovic und Bernd Patzke nicht nehmen ließen, mit Freddy und den Tänzerinnen zu posieren.

Geschäftsstellen-Neubau
Jahrzehntelang hatten sich Löwen-Spieler am Trainingsgelände in einer Baracke umziehen müssen. Damit war 1968 endlich Schluss. Der Neubau an der Grünwalder Straße wurde eingeweiht und der Verein konnte seinen Kickern endlich annehmbare Bedingungen bieten, was das Umfeld betraf. Später wurde die Geschäftsstelle um eine weitere Etage aufgestockt.


INTERVIEW MIT PETAR RADENKOVIC

Er war der erste „Popstar“ des deutschen Fußballs, lange bevor die Musikrichtung und der Begriff überhaupt erfunden waren: Petar „Radi“ Radenkovic. Mit ihm als Torwart erreichte der TSV 1860 München seine größten Erfolge. Nach dem Abstieg 1970 beendete er nach 215 Bundesligaspielen seine Karriere. Den Keeper, der bei Bundesliga-Start 1963 nur einer von vier ausländischen Spielern war, machte sein Ausflug in Schlagerbranche über den Fußball hinaus bekannt. Im April 1965 stürmte er mit seinem Hit „Bin i Radi, bin i König" in die deutschen Charts. Die höchste Platzierung war Platz fünf. Insgesamt verkaufte er 400.000 Schallplatten.

Nach dem Titel und der Vize-Meisterschaft kam in der Saison 1967/1968 der Absturz auf Rang zwölf. Was waren die Gründe?
Petar Radenkovic: Nach der Meisterschaft hat der Verein angefangen, die besten Spieler zu verkaufen. Dazu wurden ungeeignete Trainer verpflichtet, was von Jahr zu Jahr zu einer Verschlechterung der Leistung führte. So kam dieser 12. Platz zustande.

Sie standen auch im Blickpunkt. Beim Heimspiel am 16. September 1967 gegen Kaiserslautern sollen sie ihren Mitspieler Jimmy Schmitt gewürgt haben?
Radenkovic: Das wurde künstlich aufgebauscht. Ich habe ihn eigentlich nur geschubst, dabei ist er unglücklich gefallen. Das war eine Reaktion, wie sie auf jedem Fußballplatz vorkommt. Ich war so wütend, weil dieser junge Spieler bereits in den Partien zuvor immer einen kapitalen Fehler gemacht hatte. Das brachte mich auf die Palme.

Ein weiterer negativer Höhepunkt: Im Messepokal setzte es an der Anfield Road gegen den FC Liverpool eine 0:8-Niederlage ...
Radenkovic: Das war ein katastrophaler Tag. Wir sind zwischen zwei Punktspielen mit vielen Verletzten nach England gereist. Liverpool war damals Weltklasse. Wenigstens haben wir das Rückspiel 2:1 gewonnen.

Sie stürmten einst als Schlagersänger die Hitparaden. Wie kam es dazu?
Radenkovic: Ich bin zu meinem Manager gegangen und habe ihm gesagt, dass ich eine Schallplatte machen möchte. Damals haben viele Sportler gesungen. Wir fanden einen erstklassigen Komponisten und Texter. Ich habe dabei ganz gut verdient. Meine hauptsächliche Tätigkeit, das Fußball spielen, hat darunter aber nicht gelitten.

BILDER AUS DER KARRIERE VON PETAR RADENKOVIC

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