SECHZIGMÜNCHEN.
 

Blick zurück: Saison 1973/1974.

Das Löwen-Team in der Saison 1973/1974, hinten (v. li.): Manager Werner Olk, Masseur Springer, Wolfgang Gayer, Fritz Bischoff, Alfred Kohlhäufl, Charlie Mrosko, Wilhelm Bierofka, Hans-Dieter Seelmann, Walter Sohnle, Werner Luxi, Bernd Patzke, Trainer Rudi Gutendorf. Vorne (v. li.): Georg Metzger, Ferdinand Keller, Hans-Günter Kroth, Walter Schuberth, Anton Deml, Fahrija Dautbegovic, Wolfgang Lex, Marijan Novak, Karl-Heinz Meininger, Hans-Dieter Zahnleiter, Hanjo Weller. 

Kein geringerer als Rudi Gutendorf, Globetrotter in Sachen Fußball, begleitete als Trainer die Löwen durch die Saison 1973/1974. Aber auch ihm blieb der Aufstieg verwehrt. Mit dem FC Augsburg und dem 1. FC Nürnberg hatten zwei Konkurrenten aus dem Freistaat die Nase am Ende vorne. Unbestrittenes Highlight dieser Spielzeit: das Deby gegen den FCA im Olympiastadion am Himmelfahrtstag 1973 vor Rekordkulisse.

Er war Trainer Nummer neun seit der Entlassung von Max Merkel beim TSV 1860 und vom Namen her sicher einer der klangvollsten: Rudi Gutendorf. Ein Weltenbummler in Sachen Fußball, der im ersten Bundesligajahr den Meidericher SV überraschend zur Deutschen Vize-Meisterschaft geführt hatte. Nun sollte er den Löwen zum Aufstieg verhelfen.

Aber auch mit Gutendorf ging’s schief, obwohl er seinen Kader gezielt ergänzen konnte. Fürs Tor war der jugoslawische Keeper Fahrija Dautbegovic verpflichtet worden. Schließlich hatten die Löwen mit Petar Radenkovic gute Erfahrungen gemacht. Während der Saison wurden mit Karl-Heinz „Charlie“ Mrosko, Alfred Kohlhäufl, einst als junges Talent in der Meistersaison nicht zum Zuge gekommen, Heimkehrer Bernd Patzke und Wolfgang Gayer namhafte Leute verpflichtet wurden. Dazu kam der junge Willi Bierofka aus Fürstenfeldbruck.

Es fing auch gut an. Gleich im ersten Spiel bei Jahn Regensburg gelang ein fulminanter 4:0-Erfolg.Es folgte am 2. Spieltag gegen den FC Augsburg, der mit einem 6:2-Sieg gegen Heilbronn ebenfalls furios gestartet war, ein 1:1. Dann aber setzte es drei Niederlagen am Stück. Ein herber Dämpfer für die Euphorie. Doch die Löwen fingen sich wieder, verloren bis zum Ende der Hinrunde bei 19:5-Punkten nur zwei Spiele und überwinterten vier Zähler hinter Augsburg mit 22:12-Punkten auf Rang zwei.

Der Rückrundenauftakt begann verheißungsvoll mit einem 4:1-Erfolg zu Hause gegen Jahn Regensburg. Dann folgte eine 0:2-Niederlage in Augsburg. Ohnehin spielten die Fuggerstädter eine souveräne Saison, standen fast durchweg an der Spitze und gingen mit vier Punkten Vorsprung als Erster über die Ziellinie. Der Club, zur Halbserie nur Vierter einen Punkt hinter den Löwen, schob sich im Finish an den Sechzgern, die zu Hause 7:2 gegen Heilbronn gewannen, vorbei. Eben kurz vor Schluss, genauer gesagt in der 85. Minute, gelang dem Club das 1:1 gegen Bayreuth. Dieser eine Zähler reichte zur Teilnahme an der Aufstiegsrunde

Rudi Gutendorf, dem Showman, gingen dadurch 100.000 Mark Aufstiegsprämie flöten. Zwischen ihm und der Mannschaft stimmte es während der gesamten Spielzeit selten. Sein zur Schau gestellter Fremdwörterschatz (Feu sacre, Media distanca, Kulmination, Summation) ließ die Spieler nur mitleidig lächeln. Vor allem, weil sie auch den anderen Gutendorf kannten. Manche Spieler nannte er Untiere“, erzählte Hans-Günter Kroth. Und zu einem Trainerkollegen meinte Gutendorf mal während der Pressekonferenz: „Du bist der dümmste Schwätzer, den ich je gesehen habe.“ Auch für den gebürtigen Koblenzer war nach einem Jahr das Kapitel 1860 zu Ende.


KURIOSES

Rekordspiel im Olympiastadion
Vielleicht ist es bis heute das Spiel, das die meisten Zuschauer im deutschen Fußball gesehen haben. So ganz ist es nicht mehr nachzuvollziehen. Es war der 15. August 1973, Christi Himmelfahrt – ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des TSV 1860. Nein, es wurde kein Titelgewinn gefeiert, nicht mal ein Sieg. Es war der Tag, an dem das gerade mal ein gutes Jahr alte Münchner Olympiastadion bei einem Spiel der Löwen nur um Haaresbreite einer Katastrophe entging. Feiertag, herrliches Sommerwetter – alles schien gerichtet für den Regionalliga-Schlager zwischen den Löwen und dem FC Augsburg am 2. Spieltag. Beide Teams hatten zum Auftakt hoch gewonnen. Im Vorverkauf waren nur rund 8.000 Karten abgesetzt worden, deshalb rechneten die Verantwortlichen des TSV 1860 mit maximal 50.000 Zuschauern – und hatten sich damit kräftig verspekuliert. Etwa die doppelte Anzahl an Fußballbegeisterten machte sich auf den Weg. Allein etwa 30.000 bis 35.000 FCA-Fans machten die Reise in die bayerische Landeshauptstadt mit. Viele von ihnen standen auch beim Anpfiff noch an den Kassenhäuschen Schlange. Dann ließ plötzlich ein Torschrei das Olympiastadion erzittern. Werner Luxi hatte in der 3. Minute das 1:0 für die Löwen erzielt, und nun waren die Massen nicht mehr zu halten. ,,Was kannst‘ machen, wenn der schon nach drei Minuten in die Kiste trifft“, so Manfred Amerell, damals Geschäftsführer der Fußballer des TSV 1860. ,,Da ist die Situation in Sekundenschnelle eskaliert, da sind alle Dämme gebrochen.'' Der Treffer löste eine Massenhysterie aus, jeder wollte jetzt noch rein ins Olympiastadion. Die Fans überrannten Zäune, Kassenhäuschen und Absperrungen, die Ordner standen dem ganzen Chaos hilflos gegenüber. Die Sirenen der Einsatzfahrzeuge schrillten rund ums Stadion. Am Tag darauf wurde Bilanz gezogen: 147 Verletzte, die meisten mit Schnittwunden und Prellungen von 70 Sanitätern und zwei Ärzten im Stadion notversorgt. Aber auch 35 ernsthaft zu Schaden gekommene, in den Krankenhäusern liegend, viele mit lädierten Sprunggelenken. Der damalige Bürgermeister Eckhart Müller-Heydenreich atmete trotzdem tief durch: „Wie durch ein Wunder hat es keine Toten gegeben.“ Etwa 90.000 Zuschauer, manche sprechen sogar von 100.000, dürften sich am Ende im Olympiastadion befunden haben – ein „Rekordbesuch“, der wohl nie mehr gebrochen wird. Und das bei einem Zweitligaspiel. Die Partie endete übrigens mit einem für die Löwen enttäuschenden 1:1.

BR-Sport-Archiv Rekordspiel zwischen TSV 1860 und Augsburg im Olympiastadion >>

Luxi bekam nichts mit
Der Torschütze zum 1:0 gegen den FCA, Werner Luxi, hatte ,,überhaupt nichts mitgekriegt“, von dem, was sich an diesem Himmelfahrtstag auf den Rängen abspielte, und erst später von der Signalwirkung seines Treffers erfahren. Er kickte von 1971 bis 1976 für die Sechzger, aber nur 51 Mal, zweier Kreuzbandrisse wegen, nach denen er zu früh wieder spielte, wie er selbst erklärte. Das führte zu dauerhaften Schäden. Nach der Löwen-Zeit kickte der Junge aus dem Münchner aus dem Schlachthofviertel noch ein paar Jahre für den SB Rosenheim, zusammen mit Meisterspieler Hans Reich, ,,dafür hat‘s noch gereicht'“. In dieser Zeit schulte er vom Feinmechaniker zum Uhrmacher um, eröffnete ein Geschäft.

Riegel-Rudi bot sich selbst an
Angeblich soll sich Rudi Gutendorf selbst als Trainer bei den Löwen angeboten haben. Beim Frühstück im „Bayerischen Hof“ las er in der Münchner Presse von den Trainersorgen der Sechzger, woraufhin er zum Telefonhörer griff. Mit „Riegel-Rudi“, wie er seit seiner Duisburger Zeit genannt wurde, kehrte der seit den Zeiten von Fritz Langner nicht mehr vernommenen Kasernenton zurück. Morgens um sechs scheuchte er bereits seine Spieler im Dauerlauf durch die Münchner Innenstadt, „um den Arbeitern zu zeigen, das auch bei 1860 malocht wird“. Umstritten waren auch Gutendorfs Trainingsmethoden. Willi Bierofka, der damals seine erste Profisaison bestritt, erinnert sich: „Wir mussten manchmal über drei Plätze spielen und dabei über die Eisenstangen, die die Spielfelder trennten, springen. Ein Wunder, dass sich keiner ein Bein gebrochen hat.“ Auch außerhalb des Trainingsplatzes machte Gutendorf von sich Reden wegen einer Vaterschaftsklage aus Chile, seiner vorherigen Station. „Für die Pille müsste sein Gehalt doch reichen“, kommentierte ein 1860-Funktionär bissig.


INTERVIEW MIT ALFRED KOHLHÄUFL

Alfred Kohlhäufl gehörte als A-Jugendlicher der SpVgg Plattling der Deutschen Jugendnationalmannschaft an. Zur Meistersaison kam er erstmals zu den Löwen, blieb aber ohne Einsatz. Über den 1. FC Pforzheim und Jahn Regensburg wechselte er 1969 zu Borussia Dortmund, kehrte aber im Jahr darauf bereits wieder in die Oberpfalz zurück. 1973 nahm er seinen zweiten Anlauf an der Grünwalder Straße. In sechs Jahren absolvierte der Sportlehrer für die Löwen 194 Punktspiele in der Ersten und Zweiten Liga sowie der Regionalliga Süd, erzielte dabei 31 Tore und stieg zwei Mal in die Bundesliga auf (1977 und 1979).

Welche Erinnerung haben Sie an die Spielzeit 1973/1974?
Alfred Kohlhäufl: Ich spielte zu Beginn der Saison beim SSV Jahn Regensburg. Gleich zu Beginn mussten wir insgesamt dreimal mit dem Jahn gegen Sechzig antreten, davon zweimal im Pokal. Nach einem 0:0 in München gewannen wir in Regensburg 3:0. Anscheinend habe ich bei Trainer Rudi Gutendorf einen guten Eindruck hinterlassen. Er wollte mich unbedingt haben.

Haben Sie das Spiel im Olympiastadion am 2. Spieltag gegen den FC Augsburg vor der Rekordkulisse von etwa 90.000 Zuschauern miterlebt?
Kohlhäufl: Leider nicht! Der Jahn wollte mich nicht freigeben. Es war eine Hängepartie. Erst Mitte September hatte es der damalige 1860-Manager Werner Olk geschafft, mich im Spielertausch von Regensburg loszueisen.

Als Defensiv-Spieler gelangen Ihnen in 25 Spielen zehn Tore für 1860 ...
Kohlhäufl: Eigentlich waren es sogar elf, eins wurde mir aberkannt und als Eigentor gewertet. Ich hatte immer einen guten Drang nach vorne. Das geht aber nur in einem gut abgestimmten Team, wenn andere nach hinten abschirmen.

Am Ende der Saison verpassten die Löwen als Dritter mal wieder knapp die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Woran lag’s?
Kohlhäufl: Wir sind relativ schlecht in die Saison gestartet, haben dann aber eine gute Serie hingelegt und standen bis vier Minuten vor Ende sogar in der Aufstiegsrunde. Dann gelang aber dem Club gegen Bayreuth ein Tor, wodurch Nürnberg an uns vorbeizog.

Sie waren schon in der Meistersaison 1965/66 ein Löwe.
Kohlhäufl: Ja, aber bei den vielen Nationalspielern hatte ich als 19-Jähriger keine Chance. Ich kehrte dann 1973 zurück, spielte bis 1979 für 1860.

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