SECHZIGMÜNCHEN.
 

Blick zurück: Saison 1982/1983.

Das Löwen-Team in der Saison 1982/1983, hinten (v. li.): Trainer Bernhard Schumm, Rudolf Seider, Erwin Aumüller, Anton Schmidkunz, Wolfgang Spindler, Gerald Kaiser, Günther Enhuber, Andreas Löbmann, Roland Sobek, Norbert Paulus, Peter Sehorz, Betreuer Schwarz, Masseur Binder. Vorne (v. li.): Leo Bunk, Hans-Peter Alt, Joachim Goldstein, Jürgen Pradl, Gerald Hillringhaus, Karl-Heinz Baumgartl, Michael Perfetto, Franz Jäger, Ulrich Oursin. 

Mit 20 neuen Spielern startete 1860-Trainer Bernhard Schumm in die Bayernliga-Saison 1982/1983. Die Liebe der Fans zu den Löwen blieb auch in der Dritten Liga ungebrochen. So kamen etwa zum Derby gegen die SpVgg Unterhaching 28.000 Zuschauer ins Grünwalder Stadion. Die erste Spielzeit in der höchsten Amateurliga beendeten die Löwen auf Rang sechs. 

Die Löwen waren zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte drittklassig. Die Gegner heißen nicht mehr wie im Jahr zuvor Schalke 04, Hertha BSC oder Hannover 96, sondern VfB Helmbrechts, VfL Frohnlach oder FC Vilshofen.

Der Fall ins Amateurlager hatte zudem für eine Spielerwanderung gesorgt. 14 Mann verließen den Verein – nur Joachim Goldstein, Anton Schmidkunz, Michael Perfetto, Leo Bunk und Rudolf Seider waren geblieben – 20 Neue kamen im Sommer dazu. Auch Erich Beer hatte sich nochmals überreden lassen, musste aber erst seinen geplanten Wechsel zur SpVgg Starnberg rückgängig machen, war deshalb erst ab Oktober 1982 wieder spielberechtigt.

Viele standen im Kader der Löwen, die bis dahin in der Amateurmannschaft der Sechzger gespielt hatten. Jetzt gehörten sie plötzlich zur Ersten. Dazu kamen einige Spieler aus der Jugend. Vom Lokalrivalen FC Wacker München kam der damals 19-jährige Andi Löbmann. Er sollte ein Glücksgriff werden, erzielte gleich in seiner ersten Saison für die Löwen in 33 Spielen 18 Treffer. Trainer wurde der damals 43-Jährige Bernhard Schumm, der später für den DFB in verschiedenen Funktionen im Ausland tätig werden sollte.

Der TSV startete mit einer extrem jungen Mannschaft ins erste Bayernliga-Jahr. Ohne Beer hatte der Kader einen Schnitt von 20,4 Jahren. Die meisten Spieler waren berufstätig oder studierten. Das Ziel war deshalb ganz klar der Klassenerhalt, zumal die Kassen leer waren und die Schulden noch immer drückten.

Auch wusste niemand, wie sich die Löwen-Fans verhalten und ob sie auch in der Amateurklasse kommen würden. Bereits am 1. Spieltag wurde diese Frage in beeindruckender Weise geklärt: Zum ersten Heimspiel gegen die SpVgg Landshut kamen sensationelle 14.000 Zuschauer. Der Verein wurde von den Massen total überrascht. Es waren ganze zwei Kassenhäuschen im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße geöffnet. Um das Chaos zu lindern, verkaufte man die Tickets aus Zigarrenkisten an der Tegernseer Landstraße. Es folgte ein 3:2-Sieg gegen die Niederbayern nach 1:2-Rückstand und der Mythos 1860 lebte also auch in der Dritten Liga weiter …

Im ersten Auswärtsspiel gab es einen 2:1-Erfolg bei Schwaben Augsburg und zum nächsten Heimspiel gegen die von Meisterlöwe Peter Grosser trainierte SpVgg Unterhaching strömten 28.000 Zuschauern ins Grünwalder Stadion – Bayernliga Rekord! Die Sechzger bekamen in ihrer Euphorie aber den ersten Dämpfer. Mit 0:2 ging die Partie gegen den späteren Bayernliga-Meister verloren.

In der Folge wurde klar, dass die junge Truppe mit dem Aufstieg nichts zu tun haben würde. Nach 17 Spielen war das Löwen-Konto lediglich ausgeglichen, während Haching die Tabelle mit großem Vorsprung anführte. Außerdem gab es – vor allem bei Auswärtsspielen – immer wieder Probleme. Viele Vereine in der Bayernliga waren mit dem Ansturm der Löwen-Anhänger einfach überfordert.

Die Fans vergötterten vor allem Präsident Ritchie Müller. Der ehemalige Masseur des FC Bayern hatte rasch Aufnahme in die „blauen“ Herzen gefunden und die Zuneigung ging sogar soweit, dass die Anhänger ihren Präsidenten nach dem 0:0 beim MTV Ingolstadt vom Stadion bis zum Bahnhof auf den Schultern trugen.

Aber dann reagierte auch Müller wie die meisten Präsidenten. Er entließ Trainer Schumm nach der 1:2-Niederlage zum Rückrundenauftakt in Landshut am 11. Dezember 1982. „Er kann uns sportlich keine Perspektiven für die Zukunft bieten“, lautete die Begründung von Müller. Als Nachfolger wurde Kurt Schwarzhuber verpflichtet. Der gebürtige Münchner hatte im Vorjahr die A-Jugend des TSV 1860 bis ins Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft geführt, galt als knallharter Coach. Er warf gleich den erfahrenen Bunk aus dem Kader und holte Torjäger Franz Schick vom Ligarivalen Ampfing. Am Ende landeten die Löwen auf Platz sechs, 24 Punkte hinter Unterhaching. Trotzdem war keiner unzufrieden.


KURIOSES

Jagdszenen in Oberbayern
Es war unfassbar. Was sich am 25. September 1982 im Stadion an der Grünwalder Straße abspielte, hätte sogar tödlich e­den können. Für den Schiedsrichter. Manfred Probst aus Waldsassen war der arme Kerl, der nach Spielschluss vom Mob brutal gejagt wurde und sich nur mit Müh’ und Not in die Kabine retten konnte. Einer der schwärzesten Tage in der Vereinsgeschichte. Das Unheil nahm in der 85. Minute seinen Lauf. Probst hatte beim Spiel der Löwen gegen Schweinfurt 05 einen Elfmeter für die Gäste gegeben, der zum 1:1-Ausgleich führte. Sicherlich eine mehr als zweifelhafte Entscheidung des schwachen Unparteiischen, der fünf Minuten später um sein Leben rennen sollte. Denn nachdem der Schlusspfiff ertönt war, kletterten viele Fans wie wildgewordene Affen über den Zaun und rasten auf den Schiedsrichter zu. Der war sich der Gefahr zunächst gar nicht bewusst. Probst später: „Ich wollte an der Mittellinie noch den sportlichen Gruß ausführen lassen, aber dann war mir mein Leben doch lieber.“ Er rannte in Richtung Kabinengang, wurde aber von einigen Fans doch noch eingeholt und mit Fußtritten und Faustschlägen traktiert. Ordner und Polizei (ein Beamter wurde von den Fans ebenfalls verprügelt) standen der ganzen Situation machtlos gegenüber. Probst konnte sich mit Mühe in die Katakomben retten, wurde dort von den Sanitätern verarztet. An der Stirn hatte er eine große Risswunde von einer Bierflasche, die ihn getroffen hatte. Erst als 100 Polizisten zur Verstärkung herbeigerufen worden waren, konnte den schlimmen Szenen im Stadion ein Ende bereitet werden. Unter anderem wurde die wildgewordene Menge mit Tränengas auseinandergescheucht. Der TSV 1860 wurde vom Bayerischen Fußball-Verband zu einer Platzsperre für zwei Heimspiele verdonnert und musste gegen Helmbrechts in Erding sowie gegen den FC Wacker in Lohhof antreten.


INTERVIEW MIT ERICH BEER

Erich „Ete“ Beer wurde am 9. Dezember 1946 in Neustadt bei Coburg geboren. Dort spielte er zunächst für den VfL Neustadt, später für die Amateure der SpVgg Fürth. Zwischen 1968 und 1979 folgten Stationen beim 1. FC Nürnberg, Rot-Weiß Essen und Hertha BSC. Insgesamt absolvierte Beer 342 Bundesligaspiele und erzielte 95 Treffer. Lange Jahre war er mit 83 Toren in 254 Bundesligaeinsätzen Rekordtorschütze von Hertha BSC, ehe er von Michael Preetz abgelöst wurde. Mit 34 Jahren wechselte Beer nach zwei Jahren in Saudi-Arabien zu den Sechzgern. Dort beendete er 38-jährig seine aktive Karriere nach 30 Zweitligaspielen (9 Tore) und 57 Partien in der Bayernliga (17) für den TSV 1860. Außerdem bestritt der Mittelfeldspieler zwischen 1975 und 1978 24 Länderspiele (7) und nahm 1978 an der WM in Argentinien teil. 

Herr Beer, Sie fehlen auf dem offiziellen Mannschaftsfoto der Saison 1982/1983. Was waren die Gründe?
Erich Beer: Eigentlich wollte ich nach dem Lizenzentzug aufhören. Ich war damals bereits 35 Jahre. Die Löwen starteten mit einer ganz jungen Mannschaft in die Bayernliga-Saison. Ende August/Anfang September hat mich der Verein dann gefragt, ob ich nicht doch noch weiterspielen könnte. Es wäre für das junge Team wichtig, wenn sie ein erfahrener Spieler führen würde. Ich habe mich dann überreden lassen und noch zwei Jahre weiter gemacht.

Sie haben insgesamt elf Jahre in der Bundesliga gespielt. Wie kamen Sie zu 1860?
Beer: Ich bin ja gebürtiger Oberfranke, habe in Nürnberg angefangen, war dann zwei Jahre in Essen und acht Jahre in Berlin. Wegen finanzieller Schwierigkeiten musste die Hertha 1979 drei Spieler verkaufen. Ich hatte damals bereits ein Angebot von Sechzig für die Erste Liga, bin aber zunächst für zwei Jahre nach Saudi Arabien gegangen. Nach meiner Rückkehr hat mich Jupp Kapellmann in seiner Funktion als Manager angerufen, als 1860 noch in der Bundesliga gespielt hat. Dann ist der Klub aber noch abgestiegen, und ein Jahr später kam der Lizenzentzug.

Wie war das für Sie als Ex-Nationalspieler und WM-Teilnehmer, plötzlich mit den Löwen über die Dörfer zu tingeln?
Beer: Das war damals ganz anders. Man kann es nicht mit der heutigen Bayern- oder Regionalliga vergleichen. Egal, wo wir hinkamen, war die Hölle los. Da sind die Zuschauer geströmt und waren größtenteils für die Löwen. Zwei Drittel waren auswärts immer für uns, und zu Hause war die Unterstützung ohnehin gigantisch. Mir ging es darum: Ich fühlte mich noch fit und wollte einfach weiter Fußball spielen. In der Saison 1983/1984 sind wir sogar Bayerischer Meister geworden. Wären wir damals aufgestiegen, hätte ich ein weiteres Jahr drangehängt.

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